Trilemma
Von Hans Albert in seinem "Traktat über kritische Vernunft" (1991, zuerst 1968) geprägter Begriff für das erkenntnistheoretische Problem der Begründbarkeit von Aussagen. Jeder Erklärungsansatz mit Anspruch auf Letztbegründung ist demnach zum scheitern verurteilt, denn logisch betrachtet gibt es nur drei Begründungsstrategien (Albert 1991, S. 15):
- Unendlicher Regress; man verwendet für jede Begründung eine Begründung, die selbst wieder begründet wird ... . Dieser Prozess nimmt letztlich kein Ende und ist daher praktisch auch nicht durchführbar.
- Logischer Zirkel; man verwendet in der Deduktion Aussagen, die vorher als begründungsbedürftig aufgetreten waren.
- Dogma; man verwenden eine nicht begründete Annahme, die - warum auch immer - nicht hinterfragt wird bzw. hinterfragbar ist.
Der unendliche Regress ist nicht durchführbar und der logische Zirkel gilt nicht als Begründung. Es bleibt also nur das Verwenden eines Dogmas, was letztlich der willkürliche (weil unbegründete) Abbruch des unendlichen Regresses ist unter Anerkennung der Vorläufigkeit dieses Abbruchs mit dem Hinweis, dass jede Begründung des Abbruchs in den unendlichen Regress hinein führt. Dies gilt für alle Arten von Schlussfolgerungen oder Regeln gilt und auch für die Suche nach Kriterien zur Unterscheidung zwischen "wahr" und "falsch". Daher ist es unvermeidlich, zunächst etwas als "wahr" zu akzeptieren, was unbegründet ist. Aber man kann die erforderlich Begründung temporär suspendieren mit der Forderung, sie so schnell wie möglich/nötig nachzuliefern. Dazu müssen die zunächst unbegründeten Sätze so aufgebaut sein, dass sie widerlegbar sind.
Auf diesem Wege wird die Dogmatik also eingetauscht gegen eine Darlegung von Annahmen (bzw. als "wahr" angenommener Sachverhalte), verstanden als Zeitpunkte entlang einer immerwährenden "Suchbewegung" nach Begründungen.
Wird diese "Suchbewegung" auf die Prozesse der zwischenmenschlichen Kommunikation bezogen, so ergibt sich:
- Bei der Definition eines Wortes müssen andere Worte verwendet werden, die letztlich wieder zu definieren sind ... usw.
- Kein Mensch ist imstande, eine unendliche Folge von Definitionen zu vollenden.
- Jeder Mensch kann nur Worte verwenden, deren Bedeutung er letztlich nicht kennt, weil er sie nicht zuvor definiert hat (1 und 2).
- Jeder Mensch hat in seinen Kommunikationen selbst zu entscheiden, an welcher Stelle er den unendlichen Prozess anhält (1 bis 3) und Annahmen (über die "Richtigkeit/ Wahrheit" von Wortinhalten) verwenden möchte.
- Jedes durch Kommunikation herbeigeführte Verständnis basiert auf dem Zusammen-passen der Entscheidungen der Beteiligten über den Umgang mit dem unendlichen Regress (1 bis 4) und damit letztlich auf dem gemeinsamen Gebrauch von Annahmen.
Die Qualität des in bzw. durch zwischenmenschliche Kommunikationsprozesse geschaffenen Verständnisses beruht somit letztlich auf den Annahmen der Beteiligten; zum Aufbau eines qualitativ hochwertigen gegenseitigen Verstehens/Verständnisses ist somit das Aufspüren und benennen der Annahmen der Prozessbeteiligten zwingend nötig, damit sich jeder Beteiligte Klarheit über die Plausibilität der Annahmen der Beteiligten verschaffen kann.
Bezogen auf Koordination und Kooperation in/von Teams und Organisationen gilt dann:
- Jeder Mensch muss zur Entscheidung formulierte Regeln verwenden, deren Bedeutung/Inhalt/Richtigkeit er letztlich nicht kennen (1 bis 3), sondern nur als Annahmen verwenden kann.
- Jeder Mensch formuliert Alternativen und deren Konsequenzen aufgrund von (sprachlich abfassbaren) Annahmen, Bedeutung/Inhalt/Richtigkeit er letztlich nicht kennen (1 bis 3), sondern nur als Annahmen verwenden kann.
- Jeder Mensch hat für sich zu entscheiden, an welcher Stelle er den unendlichen Prozess der Begründung durch die Verwendung von Annahmen anhält (1 bis 7) und hat die sich daraus ergebenden Folgen zu verantworten.
- Herbeigeführte Entscheidungen und Commitments basieren maßgeblich auf dem Zusammenpassen der Entscheidungen der Beteiligten über den Umgang mit den unendlichen Regress (1 bis 5) und damit letztlich auf dem gemeinsamen Gebrauch von Annahmen.
Die Qualität von multipersonellen Entscheidungsprozessen beruht daher letztlich auf den Annahmen der Prozessbeteiligten; zum Treffen einer qualitativ hochwertigen Entscheidung ist somit das Aufspüren und Benennen der Annahmen der Prozessbeteiligten zwingend nötig, damit sich jeder Beteiligte Klarheit über die Plausibilität der Annahmen der Beteiligten verschaffen kann.
So gesehen weist das Trilemma darauf hin, dass Qualität und Wirkung von multipersonellen Kommunikations- und Entscheidungsprozessen immer abhängig sind von den Annahmen der Prozessbeteiligten. Das wechselseitige Aufspüren, Benennen und Erfragen bzw. Erfragen und Erkunden der Annahmen der Prozessbeteiligten ist der wirksamste, tragfähigste Weg gemeinsamen Handelns, weil die Beteiligten sich selbst nur so Klarheit über die Plausibilität der gemeinsamen Nutzung von Annahmen verschaffen können.
Bezüglich des Nachdenkens sagte Aristoteles: "Analysiere und argumentiere logisch", was letztlich bedeutet: Widersprüche in der eigenen Aussagen sind zu vermeiden. Er leitete die grundlegenden Axiome der klassischen formalen Logik ab, die allerdings nur innerhalb der Grenze des vorgegebenen Sprachsystems mit den darin vorgegebenen Aussagen ihre Gültigkeit beanspruchen und sich selbst niemals begründen können. Es sind:
- Der Satz der Identität: Alles ist mit sich selbst identisch und verschieden von anderem, oder: Wenn A wahr ist, ist A wahr.
- Der Satz vom Widerspruch: Von zwei Sätzen, von denen einer das Gegenteil des anderen aussagt, muss einer falsch sein, oder: Etwas kann nicht "A" bzw. "wahr" und gleichzeitig "Nicht-A" bzw. "falsch" sein.
- Der Satz vom ausgeschlossenen Dritten: Von zwei Sätzen, von denen einer das vollständige Gegenteil des anderen aussagt, muss einer richtig sein, oder: Etwas ist entweder "A" bzw. "wahr" oder "Nicht-A" bzw. falsch.
- Der Satz vom zureichenden Grunde: Alles hat seinen Grund, warum es so ist, wie es ist, oder: Jeder Gedanke ist durch einen anderen Gedanken begründet werden, des-sen Wahrheit bewiesen bzw. als "richtig" anerkannt ist.
Werden diese grundlegenden Axiome nicht befolgt oder auch außerhalb des vorgegebenen Sprachsystems bzw. außerhalb der vorgegebenen Aussagen als gültig angesehen, dann werden die Möglichkeiten der zwischenmenschlichen Kommunikation erheblich minimiert.
Georg Spencer Brown erarbeitete mit den Gesetzten der Form (the laws of form) einen sehr abstrakten Formkalkül, der die gesamte formale Logik abbilden kann. Grundlage jeder Benennung ist in diesem Formkalkül eine motivgeleitete Unterscheidung eines Beobachters; mit den mit den Begriffen Bezeichnung (indication) und Unterscheidung (distinction) wird die Operation des Beobachtens entfaltet, die jede Erkenntnis bestimmt.
Die Grundoperation lautet: Treffe eine Unterscheidung (make a distinction). Die Form einer solchen Unterscheidung umfasst:
- Das eingeschlossene Innere (marked space), das vom Beobachter benennbar/beobachtbar ist.
- Das zum selben Zeitpunkt ausgeschlossene Äußere (unmarked space), das vom Beobachter selbst nicht benennbar/beobachtbar ist.
- Das, was das Innere und das Äußere voneinander unterscheidbar macht und auch miteinander verbindet (distinction) und vom Beobachter selbst in seiner Beobachtung nicht benennbar/beobachtbar ist.
- Der Raum bzw. Kontext (empty space), in dem der Beobachter (s)eine Unterscheidung verwendet.
Der entwickelte Formkalkül basiert neben der Operation des Treffens einer Unterscheidung auch auf der Operation der Wiedereinführung des Unterschiedenen in die vorher gesetzte Unterscheidung (Operation des re-entry). Dadurch wird der marked space in den unmarked space eingeführt werden und viele Anschlussmöglichkeiten für weitere Benennungen liefern, die sonst nicht möglich wären.
Platon lieferte drei wertvolle Hilfestellungen für das zwischenmenschliche, direkte Gespräch: Erste Regel: "Verhalte Dich nicht egozentrisch". Dies lässt sich damit konkretisieren, dass die Gesprächspartner abwechselnd reden, sich aussprechen lassen und einander zuhören. Aus dem gegenseitigen Zuhören ergibt sich eine zweite Regel: Die Gesprächspartner geben ausdrücklich an, wann sie den Ansichten des Gegenübers widersprechen. Tun sie dies nicht, gilt dies als Zustimmung. Als dritte Regel gilt: Die Gesprächspartner drücken sich klar und eindeutig aus, beim Verdacht auf Missverständnisse wird konkret nachgefragt.
Diese drei Regeln des Platon werden der Gesprächsform Dialog zugrunde gelegt.